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Morbus Kitahara

Roman.
Frankfurt am Main: S. Fischer, 1995.
ISBN: 3-10-062908-6

Taschenbuchausgabe:
Morbus Kitahara. Roman. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1997.

ISBN: 3-596-13782-9


Inhalt:
»Der Friede von Oranienburg« ist der Name für die Jahre und Jahrzehnte nach einem großen Krieg. Aber dieser Name bezeichnet keine Epoche des Wiederaufbaus, sondern eine der Sühne, der Vergeltung und Rache. Nach dem Willen der Sieger sollen die geschlagenen Feinde aus den Ruinen ihrer Städte und Industrien zurückkehren auf die Rübenfelder und Schafweiden eines vergangenen Jahrhunderts. Drei Menschen begegnen sich im Moor, einem verwüsteten Kaff an einem See im Schatten des Hochgebirges. Ambras, der »Hundekönig« und ehemaliger Lagerhäftling, wird Jahre nach seiner Befreiung Verwalter jenes Steinbruchs, in dem er als Gefangener gelitten hat. Verhaßt und gefürchtet haust er mit einem Rudel verwilderter Hunde im zerschlissenen Prunk der Villa Flora. Lily, die »Brasilianerin«, die Grenzgängerin zwischen den Besatzungszonen, die vom Frieden an der Küste des fernen Landes träumt, lebt zurückgezogen in den Ruinen eines Strandbades. An manchen Tagen aber steigt sie ins Gebirge zu einem versteckten Waffenlager aus dem Krieg, verwandelt sich dort in eine Scharfschützin und macht Jagd auf ihre Feine. Und Bering, der »Vogelmensch«, der Schmied von Moor: Er verläßt sein Haus, einen wuchernden Eisengarten, um zunächst Fahrer des Hundekönigs zu werden, dann aber dessen bewaffneter, zum Äußeren entschlossener Leibwächter. Doch in diesem zweiten Leben schlägt ihn ein Gebrechen, ein rätselhaftes Leiden am Auge, dessen Namen er in einem Lazarett erfahren soll: Morbus Kitahara, die allmähliche Verfinsterung des Blicks.


Romananfang:
Zwei Tote lagen schwarz im Januar Brasiliens. Ein Feuer, das seit Tagen durch die Wildnis einer Insel sprang und verkohlte Schneisen hinterließ, hatte die Leichen von einem Gewirr blühender Lianen befreit und ihnen auch die Kleider von ihren Wunden gebrannt: Es waren zwei Männer im Schatten eines Felsüberhanges. Sie lagen wenige Meter voneinander entfernt in menschenunmöglicher Verrenkung zwischen Farnstücken. Ein rotes Seil, das die beiden miteinander verband, verschmorte in der Glut.

Das Feuer loderte über die Toten hinweg, löschte ihre Augen und Gesichtszüge, entfernte sich prasselnd, kehrte im Sog der eigenen Hitze noch einmal wieder und tanzte auf den zerfallenden Gestalten, bis ein Wolkenbruch die Flammen in die eisengraue Asche gestürzter Quaresmeirabäume zurücktrieb und schließlich alle Glut in das feuchte Herz der Stämme zwang. Dort erlosch der Brand.

So blieb ein dritter Leichnam von der Einäscherung verschont. Weitab von den Überresten der Männer lag eine Frau unter Luftwurzeln und schaukelnden Trieben. Ihr schmaler Körper war von Schnabelhieben zerhackt, ein Fraß schöner Vögel, war zernagt, ein Labyrinth der Käfer, Larven und Fliegen, die diese große Nahrung umkrochen, umschwirrten, umkämpften: ein Flor aus seidig glänzenden Flügeln und Panzern; ein Fest.

Der Pilot eines Vermessungsflugzeuges, das in diesen Tagen über der Bahia de São Marcos dröhnende Schleifen zog und vor aufziehenden Strumwolken immer wieder nach dem Cabo do Bom Jesus abdrehte, sah auf jener felsigen, kaum zehn Seemeilen vor der Atlantikküste umbrandeten Insel die Bänder des Buschfeuers dahin und dorthin verlaufen, einen rauchenden, verrückten Weg durch die Wildnis. Der Landvermesser überflog die Verwüstung zweimal und schloß dann einen von atmosphärischem Rauschen gestörten Funkspruch mit jenem Eintrag, der auf seiner Karte unter dem Namen der Insel stand: Deserto. Unbewohnt.



Übersetzungen:

Dänisch: Morbus Kitahara. Übers. v. Karsten Sand Iversen. Viby: Centrum, 1998.

Englisch: The dog king. Übers. v. John Woods. London: Chatto and Windus, 1997; New York: Knopf, 1997.

Französisch: Le Syndrome de Kitahara. Übers. v. Bernard Kreiss. Paris: Michel, 1997.

Griechisch: Morbus Kitahara. Übers. v. Iakōbos Koperti. Athēna: Ekdoseis Odysseas, 1996.

Italienisch: Il Morbo Kitahara. Übers. v. Stefania Fanesi Ferretti. Milano: Feltrinelli, 1997; Milano: Ed. CDE, 1998.

Kroatisch: Morbus Kitahara. Übers. v. Mladen Udiljak. Zagreb: Sipar, 2007.

Niederländisch: Morbus Kitahara. Übers. v. Ronald Jonkers. Amsterdam: Prometheus, 1996.

Norwegisch: Morbus Kitahara. Übers. v. Sverre Dahl. Oslo: Gyldendal, 1997.

Polnisch: Morbus Kitahara. Übers. v. Sława Lisiecka. Warszawa: Państwowy Instytut Wydawniczy, 2003.

Rumänisch: Morbus Kitahara. Übers. v. Ana-Stanca Tăbăraşi. Bucureşti: Ed. Univers, 1999.

Russisch: Bolen’ kitachary. Übers. v. N. Fëdorova. Moskva: Eksmo, 2002.

Serbisch: Morbus Kitahara. Übers. v. Zlatko Krasni. Beograd: Geopoetika, 1999.

Spanisch: Morbus Kitahara. Übers. v. Pilar Giralt Gorina. Barcelona: Seix Barral, 1996.

Tschechisch: Morbus Kitahara. Übers. v. Jana Zoubková. Praha: Volvox Globator, 1997.

Ungarisch: A Kitahara-kór. Übers. v. Lajos Adamik. Pécs: Jelenkor, 1998.