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Der Weg nach Surabaya

Reportagen und kleine Prosa.
Frankfurt am Main: S. Fischer, 1997.
ISBN: 978-3-10-062916-6

Taschenbuch:
Der Weg nach Surabaya. Reportagen und kleine Prosa.
Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1999.
ISBN: 978-3-596-14212-5


Inhalt:
Christoph Ransmayr begann seine literarische Arbeit als Kulturredakteur und Reporter. Er schrieb seine ersten Artikel für die österreichische Monatszeitschrift Extrablatt, später für Merian oder Geo, und vor allem für TransAtlantik. Aus der großen Zahl dieser Arbeiten hat Ransmayr jetzt die wichtigsten Stücke ausgewählt und mit sechs Beispielen kleiner Prosa zur vorliegenden Sammlung zusammengefaßt. Der Weg nach Surabaya zeichnet damit auch eine schriftstellerische Entwicklungsgeschichte nach, den Aufbruch eines großen Autors. Ob Ransmayr in seinen Reportagen vom Bau der Staumauern von Kaprun erzählt, von Häftlingskolonnen und Zwangsarbeit inmitten österreichischer Idyllen, von einer Wallfahrt zur letzten Kaiserin Europas und dem mühsamen Leben auf den Halligen des Nordfriesischen Wattenmeeres – oder ob er den Leser seiner kleinen Prosa in das Labyrinth von Knossos versetzt, auf die Ladefläche eines Lastwagen in Ostjava oder in die erloschene Pracht der indischen Ruinenstadt Fatehpur: stets verbindet er die scheinbare Leichtigkeit seines Erzählens mit einem wachen Blick für die Gegenwart und einer seltenen sprachlichen Perfektion.


Leseprobe:
Er hat Stille befohlen. Also ist es still. Still das Heer; es sind mehr als einhunderttausend Mann. Still der Troß: vierzigtausend. Still selbst die Pferde, denen ihre anatolischen Reiter die Nüstern zugebunden haben. Und das Herz dieser großen Stille ist er, Sultan Mehmet der Zweite, Mehmet der Eroberer, der Herr der Horizonte und Held der Welt, ein einundzwanzigjähriger Jüngling im dritten Jahr seines Sultanats. Er ruht in einem scharlachroten Zelt, dessen Pracht die Geschichtsschreiber in die Jahrhunderte überliefern werden, eine Zeltbahn zurückgeschlagen, ruht er allein, versunken vielleicht in den Anblick der nahen, belagerten Stadt, ihrer dreifachen Mauern und verkohlten Palisaden, ihrer geborstenen Zinnen. Es ist Montag, der 28. Mai des Jahres 1453, ein frühsommerlich warmer Tag. Es ist der letzte Tag von Konstantinopel. Noch ist der Himmel über der Stadt und dem Heerlager leer und blau.

Mehmet ruht. Erst am Abend wird sich der Eroberer aus seiner Stille erheben, wird sein Zelt verlassen und , begleitet von seinen Paschas und einer Horde von Derwischen, noch einmal alle Stellungen entlang und durch das Lager reiten und verkünden, was das Heer schon seit Stunden weiß: Noch vor Anbruch des nächsten Tages wird Mehmet, die Faust des einen und wahren Gottes, das Zeichen zum letzten Sturm auf Konstantinopel geben, und mit Feuer und Schwert, zur tosenden Musik der Pauken, Posaunen, Zimbeln und Pfeifen der Blutorchester wird dann die Armee Gottes hereinbrechen über die Metropole der Ungläubigen, damit sich endlich die Prophezeiung erfülle. Sie werden Qostatinyia erobern. Ruhmreich der Fürst und die Knechte dieses Triumphes. Das Paradies ist ihnen gewiß.

Mehmet ruht und wendet und prüft Worte und weiß, daß er die Prophezeiung, hoch im Sattel erhoben, allen Reden voranstellen wird, die sein Heer an diesem Abend von ihm erwartet. Er wird vor den Janitscharen reden, Serben, Armeniern, selbst Griechen, bekehrten Söhnen von Ungläubigen, in denen nun die Wahrheit brennt; reden vor anatolischen Sipahis, die seine Herrschaft im Glanz einer neuen Hauptstadt bewahren sollen, und reden selbst vor den Baschi-Bazuken, Söldnern und Totschlägern, die nichts wollen als Beute – er wird in ihnen allen noch einmal den Glauben und die Gier und die Wut entfachen, die Bedingungen aller Siege. Er wird den Prunk dieser Stadt beschwören, das Gold und die Kleinodien der Kirchen und Paläste, die Smaragde auf den Büchern der Irrlehre; von silbernen Torbögen wird er reden und Dächern aus Blei, von den Wasserkünsten in den Gärten und Parks und der Armut der Frauen und Jünglinge, die morgen schon Sklaven sein werden, ausgeliefert der Geilheit und Willkür noch des gemeinsten Mannes seiner Armee. Vond er Uneinigkeit und Schwäche des Feindes wird er reden, vom Zwist unter den Griechen und ihrer venezianischen und genuesischen Söldner, vom Haß miteinander hadernder religiöser Parteien, die sich gegenseitig der Irrlehre bezichtigen und doch allesamt der Irrlehre verfallen sind; von allem wird er reden, was seine Unterhändler und Späher ihm in den Wochen der Belagerung berichtet haben. Und er, der das Lateinische und Griechische ebenso spricht wie das Arabische, Hebräische und die Sprache der Perser, der die Überlieferung der Ungläubigen ebenso kennt wie die Lehren des Aristoteles und die des Propheten, wird sein Heer daran erinnern, daß es Konstantinopel schon seit Jahrhunderten bestimmt ist zu fallen, zu brennen und sich zu wandeln. Und den Zweiflern und Zaudernden unter seinen Kriegern wird er noch einmal die Wolkenbrüche, die Lichterscheinungen und Erdbeben der Belagerungszeit als die Vorzeichen des Sieges deuten. Und die Derwische werden sich um sein Pferd drängen und dann jedes seiner Worte forttragen bis an den letzten Wall seines Lagers.

Mehmet ruht und weiß, daß die Zeit ihn an das Ende der Liste der byzantinischen Kaiser geführt hat und daß sich morgen die Prophezeiung eines griechischen Aufschreis erfüllen wird: Ealǒ i polis. Die Stadt ist gefallen. Seit acht Wochen liegen sein Heer und die Flotte nun vor Konstantinopel, den siebentausend Verteidigern zwanzigfach überlegen, und er hat alles getan, um die Stadt zur Einsicht zu bewegen; seine Kanonen haben tiefe Risse und Breschen in die Mauern geschlagen; schnelle, scheinbar regellose Angriffe, es waren nur Gesten gegen den einen Sturm, der morgen bevorstand, haben die Hoffnung und die Kraft der Verteidiger erschöpft. Er hat in Rufweite der Belagerten Gefangene in langen Reihen pfählen lassen, Pfahl neben Pfahl, eine rote Allee, damit das Gebrüll der Gemarterten in den Verteidigern eine Ahnung jenes Gerichts wachrufe, das er über jeden Uneinsichtigen halten wird. Bekehrung und den Frieden des Tributs hat er den Ungläubigen angeboten und Pfeilbotschaften über die Mauern gesandt; Botschaften mit den Prophezeiungen ihrer eigenen Propheten, auch den Worten jenes Sehers, den sie Johannes nannten: Weh der großen Stadt, deren Reichtum alle nährte, die da Schiffe auf dem Meer hatten. In einer Stunde ist sie verwüstet.

Und schließlich hat er, Mehmet, einen großen Teil seiner Flotte, zweiundsiebzig Schiffe unter vollen Segeln und mit allen Ruderern besetzt, von Ochsengespannen und Tausenden Knechten auf Tragwiegen und Rollen von den Gestaden des Bosporus über Land schleifen und ins Wasser des Goldenen Horns setzen lassen und hat so die Hafensperre der Stadt in einem gewaltigen Karnevalszug umfahren und gezeigt, daß er, Mehmet der Unbesiegte, selbst das Land zum Meer werden lassen konnte und das Meer zum Spiegel seines Triumphes. Aber Konstantinopel blieb ohne Einsicht.

Noch ruht er, und noch ist es still. Vielleicht erinnert er sich jetzt der Schreie, mit denen die vor seiner Gewalt und der Gewalt seiner Väter fliehenden Untertanen der Kaiser von Konstantinopel alle Fragen nach dem Ziel ihrer Flucht seit je beantwortet haben: Is tin polin. In die Stadt. Und vielleicht lächelt er bei dem Gedanken, den ängstlichen Laut dieser Antwort für immer zu verhöhnen mit einem Namen, den er den Leichenfeldern und den Ruinen von morgen geben wird: Istanbul.

(1985)


Übersetzung:

Kroatisch: Put za Surabayu: reportaže i kratka proza. Übers. v. Mladen Udiljak. Zagreb: Sipar, 2010.