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Der fliegende Berg

Roman.
Frankfurt am Main: S. Fischer, 2006.
ISBN: 978-3-10-062936-4
http://www.ransmayr.eu/wp-content/uploads/978-3-86610-100-5_Ransmayr_Der_fliegende_Berg.mp3

Hörprobe:
Christoph Ransmayr – Der fliegende Berg

 

Taschenbuch:
Der fliegende Berg. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2007.
ISBN: 978-3-596-17195-8

 

Hörbuch:
Der fliegende Berg. Berlin: Argon, 2006.

ISBN: 978-3-866-10100-5

8 CDs (9 Stunden, 25 Minuten)


Inhalt:
›Der fliegende Berg‹ ist die Geschichte zweier Brüder, die von der Südwestküste Irlands in den Transhimalaya, nach dem Land Kham und in die Gebirge Osttibets aufbrechen, um dort, wider besseres (durch Satelliten und Computernavigation gestütztes) Wissen, einen noch unbestiegenen namenlosen Berg zu suchen, vielleicht den letzten Weißen Fleck der Weltkarte. Auf ihrer Suche begegnen die Brüder nicht nur der archaischen, mit chinesischen Besatzern und den Zwängen der Gegenwart im Krieg liegenden Welt der Nomaden, sondern auf sehr unterschiedliche Weise auch dem Tod. Nur einer der beiden kehrt aus den Bergen ans Meer und in ein Leben zurück, in dem er das Rätsel der Liebe als sein und seines verlorenen Bruders tatsächliches, lange verborgenes, niemals ganz zu vermessendes und niemals zu eroberndes Ziel zu begreifen beginnt. Verwandelt von der Erfahrung, ja der Entdeckung der Wirklichkeit, macht sich der Überlebende am Ende ein zweites Mal auf den Weg.


Romananfang:

Ich starb
6840 Meter über dem Meeresspiegel
am vierten Mai im Jahr des Pferdes.

 

Der Ort meines Todes
lag am Fuß einer eisgepanzerten Felsnadel,
in deren Windschatten ich die Nacht überlebt hatte.

 

Die Lufttemperatur meiner Todesstunde
betrug minus 30 Grad Celsius,
und ich sah, wie die Feuchtigkeit
meiner letzten Atemzüge kristallisierte
und als Rauch in der Morgendämmerung zerstob.

 

Ich fror nicht. Ich hatte keine Schmerzen.
Das Pochen der Wunde an meiner linken Hand
war seltsam taub.
Durch die bodenlosen Abgründe zu meinen Füßen
trieben Wolkenfäuste aus Südost.

 

Der Grat, der von meiner Zuflucht
weiter und weiter
bis zur Psyramide des Gipfels emporführte,
verlor sich in jagenden Eisfahnen,
aber der Himmel über den höchsten Höhen
blieb von einem so dunklen Blau,
daß ich darin Sternbilder zu erkennen glaubte:
den Bärenhüter, die Schlange, den Skorpion.

 

Und die Sterne erloschen auch nicht,
als über den Eisfahnen die Sonne aufging
und mir die Augen schloß,
sondern erschienen in meiner Blendung
und noch im Rot meiner geschlossenen Lider
als weiß pulsierende Funken.

 

Selbst die Skalen des Höhenmessers,
der mir irgendwann aus dem Klumpen
meines Handschuhs gefallen
und in die Wolken hinabgesprungen war,
blieben wie eingebrannt in meine Netzhaut:
Luftdruck, Meereshöhe, Celsiusgrade …
jeder Meßwert des verlorenen Instruments
eine glühende Zahl.

 

Als zuerst diese Zahlen
und dann auch die Sterne verblaßten
und schließlich erloschen, hörte ich das Meer.

 

Ich starb hoch über den Wolken
und hörte die Brandung,
glaubte die Gischt zu spüren,
die aus der Tiefe zu mir emporschäumte
und mich noch einmal hochtrug zum Gipfel,
der nur ein schneeverwehter Strandfelsen war,
bevor er versank.

 

Das Krachen des Steinhagels,
der mir die Hand wundgeschlagen hatte,
das Fauchen der Böen, mein Herzschlag …
verhallten in der Flut.

 

War ich am Grund des Meeres?
Oder am Gipfel?
in einem schmerzlosen Frieden,
von dem ich heute weiß,
daß er tatsächlich das Ende war, mein Tod
und nicht bloß völlige Erschöpfung,
Höhewahn, Bewußtlosigkeit,
hörte ich eine Stimme, ein Lachen:
Steh auf!
Es war die Stimme meines Bruders.


Übersetzungen:

Französisch: La montagne volante. Übers. v. Bernard Kreiss. Paris: Michel, 2008.

Italienisch: La montagna volante. Übers. v. Claudio Groff. Milano: Feltrinelli, 2008.

Kroatisch: Leteća planina. Übers. v. Mladen Udiljak. Zagreb: Sipar, 2010.

Niederländisch: De vliegende berg. Übers. v. Hilde Keteleer. Amsterdam: Prometheus, 2007.

Polnisch: Latajaca góra. Übers. v. Jacek St. Buras. Warszawa: Państwowy Instytut Wydawniczy, 2007.

Serbisch: Leteća planina. Übers. v. Zlatko Krasni. Beograd: Geopoetika, 2008.

Slowenisch: Leteča gora. Übers. v. Štefan Vevar. Maribor: Študentska Založba Litera, 2010.

Ungarisch: A repülő hegy. Übers. v. László Martón. Pozsony, Bratislava: Kalligramm, 2008.