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Atlas eines ängstlichen Mannes

Frankfurt am Main: S. Fischer, 2012.
ISBN: 978-3-10-062951-7
http://www.ransmayr.eu/wp-content/uploads/978-3-8398-1200-6_Ransmayr_Atlas.mp3

Hörprobe:
Christoph Ransmayr – Atlas eines ängstlichen Mannes

 

e-book:
Atlas eines ängstlichen Mannes. Frankfurt am Main: Fischer e-books, 2012.

ISBN: 978-3-10-402254-3

 

Hörbuch:

Atlas eines ängstlichen Mannes. Berlin, Argon, 2012.

ISBN: 978-3-8398-1200-6

10 CDs (11 Stunden, 40 Minuten)

 

Atlas eines ängstlichen Mannes. Berlin, Argon (Daisy Edition), 2012.

ISBN: 9783839851401

1 MP3-CD in Amray Box mit Brailleetikett (11 Stunden, 40 Minuten)


Inhalt:
Ein großer erzählter Weltatlas. Der ›Atlas eines ängstlichen Mannes‹ ist eine einzigartige, in siebzig Episoden durch Kontinente, Zeiten und Seelenlandschaften führende Erzählung. »Ich sah…«, so beginnt der Erzähler nach kurzen Atempausen immer wieder und führt sein Publikum an die fernsten und nächsten Orte dieser Erde: In den Schatten der Vulkane Javas, ins hocharktische Packeis, an die Stromschnellen von Mekong und Donau und über die Paßhöhen des Himalaya bis zu den entzauberten Inseln der Südsee. Wie Landkarten fügen sich dabei Episode um Episode zu einem Weltbuch, das in atemberaubenden Bildern Leben und Sterben, Glück und Schicksal der Menschen kartographiert.


Leseprobe: 
STERNENPFLÜCKER
Ich sah einen gestürzten Kellner auf dem Parkplatz eines Straßencafés in der kalifornischen Küstenstadt San Diego. Der Mann hatte ein mit Getränken beladenes Tablett eben noch scheinbar mühelos über seiner Schulter balanciert und war dann über ein Kabel gestolpert, das eine Autobatterie mit einem Teleskop verband. Nun lag er in den Scherben von Gläsern, Flaschen und Tassen, die er jenen Gästen hatte servieren wollen, die von der Theke ins Freie gelaufen waren oder schon seit Stunden zwischen geparkten Autos auf mitgebrachten Klappstühlen saßen und durch ihre Ferngläser, Teleskope und mit bloßem Auge zum Abendhimmel emporblickten, an dem die ersten Sterne glitzerten.
Obwohl seine Hose an einem Knie zerrissen war und aufgedruckte Klatschmohnblüten an seinem Hemd an Blutflecken denken ließen, schien der Mann unverletzt. Stumm, ohne Klage, aber auch ohne jeden Fluch, richtete er sich auf, zog das große, kreisrunde Messingtablett, das bei seinem Sturz unter ein geparktes Kabriolett geklirrt war, wieder unter dem Wagen hervor und begann auf allen vieren, die von Kaffee, Wein, Fruchtsäften und bloßem Wasser tropfenden Scherben aufzusammeln und auf das Tablett zu häufen.
Über den Abend- und Nachthimmel dieser Märztage zog einer der strahlendsten Kometen der vergangenen tausend Jahre, ein Himmelskörper von kaum sechzig Kilometern Durchmesser, der mit einem goldgelb leuchtenden Staubschweif und einem blauen Gasschweif eine fünfzig Millionen Kilometer lange Spur an den Nachthimmel schrieb. Der Besenstern hatte am Vorabend seinen erdnächsten Punkt in einer Entfernung von etwa zweihundert Millionen Kilometern passiert und raste nun wieder in jene Abgründe des Raumes zurück, aus denen er emporgestiegen war. Nach Monaten, in denen er neben dem großen Sirius als hellstes Licht am Nachthimmel erschienen war, würde er nun allmählich wieder kleiner und unscheinbarer werden, schließlich verschwinden und dann erst um das Jahr 4535 wiederkehren. Der Komet war nach seinen beiden Entdeckern Alan Hale und Thomas Bopp, die ihn während einer Vermessung des Kugelsternhaufens M70 im Areal des Schützen unabhängig voneinander beobachtet hatten, Hale-Bopp getauft worden – und schon kurze Zeit nach seinem Eintritt ins Blickfeld des bloßen Auges war gewiß, daß in der Geschichte der Menschheit kein Himmelslicht jemals so viele Blicke auf sich gezogen hatte.
Ich hatte Hale-Bopp in den vergangenen Wochen, auf langen Wanderungen durch die Mojave-Wüste und in der Sierra Nevada, oft über den Silhouetten verschneiter Gebirgszüge oder den schwarzen Weiten der Wüste gesehen und im Radio meines Geländewagens immer wieder Berichte von Ängsten, Hoffnungen, Träumen und astronomischen Vermutungen gehört, die mit diesem wandernden Licht verbunden wurden. Religiöse Phantasten und Sektenanhänger, hieß es, sähen in diesem Kometen nicht bloß ein Himmels-, sondern ein göttliches Zeichen, das den nahen Untergang der Welt oder das Kommen eines allmächtigen Erlösers ankündigte.
Der Besenstern mit seinem Doppelschweif – ein dritter, aus Natrium bestehender Schweif zeigte sich nur in den Teleskopen der größten Sternwarten – war innerhalb von beinahe sechshundert Tagen, in denen man seine zu- und wieder abnehmende Strahlkraft auch mit freiem Auge beobachten konnte, zu einer so vertrauten Erscheinung am Himmel geworden, daß sich an diesem Abend wohl kaum ein solches Publikum auf dem Parkplatz des Straßencafés eingefunden hätte, wäre da nicht noch ein zweites Schauspiel in unmittelbarer Nachbarschaft des Kometen zu verfolgen gewesen – eine von Sternfreunden und Astrofotografen sehnsüchtig erwartete Mondfinsternis.
Die Lage des Straßencafés auf einem Hügel mit weitem Blick auf die Lichter der Stadt und des Himmels hatte mehr als hundert Gäste und Beobachter angezogen, die schon am späten Nachmittag begannen, ihre Fernrohre, Stative und Kameras zwischen Wagenburgen aufzubauen und bei Wein, Bier oder Fruchtsäften an den kreisrunden Tischen des Cafés die Wahrscheinlichkeit zu besprechen, ob die wechselnde Bewölkung dieses Tages das Schauspiel verhüllen würde und ein rechtzeitiger, gerade noch möglicher Aufbruch ins wolkenärmere Wüstenland nicht das Gebot der Stunde sei. Wie langsam über solchen Gesprächen die Zeit verging.
Aber als es zu dämmern begann, dunkel wurde, Nacht wurde und alle Wolken wie an Schnüren gezogen verflogen und den Kometen, den Sternenhimmel und einen noch schattenlosen Mond freigaben, begann die Zeit schneller zu laufen. Und als dann der auf die Sekunde berechnete Zeitpunkt kam, an dem der Mond träge und unaufhaltsam in den Erdschatten glitt, dabei mehr und mehr von seinem Licht verlor und so den Kometen noch heller glänzen ließ, begann die Zeit zu fliegen. Die Rufe der auf dem Parkplatz versammelten Zeugen der Verfinsterung Der Mond! Der Mond! Es beginnt! klangen wie Alarmgeschrei und ließen die letzten Gäste aus dem Café hinausstürzen ins Freie.
Und dann war da plötzlich nur noch das wolkenlose Firmament und ein dunkler Platz voll Menschen, die schweigend zu den Sternen aufsahen, zwischen denen der hellste Komet des Jahrtausends an einem verfinsterten Mond vorüberzog – und war da trotzdem und immer noch hinter einer erleuchteten Glasfront diese lange leere Theke, von der ein Kellner sein schwer beladenes Tablett in die Nacht hinaustrug, dann zwischen Autos und Teleskopen dahinhuschte und dabei seinen Blick immer wieder gegen den Himmel richtete, bis plötzlich dieses böse Klirren zu hören war und der Gestürzte in einer Scherbensaat lag.
Aber während so weit, weit draußen im Raum das Himmelsschauspiel ungerührt seinen Lauf nahm, der Erdschatten, unser eisiger Schatten, über die Mondwüsten glitt und Hale-Bopp mit einer Geschwindigkeit von fast einhundertsechzigtausend Stundenkilometern unseren Planeten wieder hinter sich ließ, begann auf dem ölfleckigen nächtlichen Parkplatz ein Gegenschauspiel, das von einer anderen Helligkeit war.
Denn obwohl es lange, sehr lange dauern würde bis zu einer nächsten vergleichbar schönen Finsternis und obwohl der fliehende Komet nach seinem allmählichen Verblassen und Verschwinden erst nach mehr als zweitausendfünfhundert Jahren wiederkehren, aber niemals, niemals wieder in der Geschichte dieses Universums in so enger Gemeinschaft mit einem verfinsterten Mond zu sehen sein würde, wandten sich …, nein, nicht alle Zeugen und Zuschauer, aber doch viele, viel mehr als zu erwarten waren, von dieser Einzigartigkeit, einem unwiederholbaren kosmischen Ereignis, ab und dem gestürzten Kellner zu, kehrten dem Himmel den Rücken, beugten sich zu dem stummen, beschämten Mann hinab, boten ihm ihre ausgestreckten Arme und sanken, als er nicht aufstehen, sondern bloß auf allen vieren die Scherben einsammeln wollte, neben ihm auf die Knie und lasen gemeinsam mit ihm die selbst im verfinsterten Mondschein noch blinkenden Scherben vom schwarzen Asphalt, als pflückten sie Sterne.


Interview zum Buch:
Petra Gropp (Fischer Verlag) im Gespräch mit Christoph Ransmayr zu seinem ›Atlas eines ängstlichen Mannes‹ , 22.05.2012

 

Frage: Nach Ihren großen Romanen »Die letzte Welt«, »Morbus Kitahara« und »Der fliegende Berg« erscheint nun der »Atlas eines ängstlichen Mannes«. Dieses Buch ist kein Roman, sondern eine ganz besondere Gattung, ein »Atlas«, ein erzählter Atlas der Welt. Wie sind Sie zu dieser Form gekommen?

Christoph Ransmayr: Diese in siebzig Episoden gegliederte Erzählung hat das einfachste Vorbild: die Haltung eines Menschen, der sich erinnert – an Begebenheiten, Gestalten und Orte seines Lebens und davon in geschlossenen, voneinander unabhängigen und nur durch ein Ich verbundenen Geschichten erzählt. Wie einen kartographischen Atlas kann ein Leser auch den Atlas eines ängstlichen Mannes aufschlagen, wo immer er will, kann mit den letzten Seiten beginnen oder am Anfang – und wird stets inmitten der Welt sein. Am Ende jeder Episode holt der Erzähler Atem, setzt nach kurzen oder längeren Pause mit einem Ich sah von neuem an und versetzt sich selbst und seine Zuhörer oder Leser allein nach den Gesetzen der freien Assoziation an einen anderen, weit entfernten oder allernächsten Ort. Schließlich kann in unserer Erinnerung etwa ein verfallener Bootssteg an einem See im Brandenburgischen durchaus neben einem Pfahlbau am Oberlauf des Yangtsekiang aus dem Wasser ragen.


Frage: Der »Atlas« kartographiert in einem großen Erzählatem nahe und ferne Orte dieser Erde. Sie sind in Ihrem Leben viel gereist, haben viel gesehen und gehört, Geschichten gesammelt, Mythen, Legenden. Können Sie beschreiben, wie sich Erinnerungen und Recherchen, Reales und vielleicht auch Fiktives in dieser Erzählstimme zu Bildern, Szenen, Sätzen formen?

Christoph Ransmayr: Geschichten ereignen sich nicht, Geschichten werden erzählt. Das bloß aufgezeichnete, dokumentierte Geschehen ist oft nicht viel mehr als eine chaotische Faktensammlung, Rohmaterial, das einen Erzähler erst zum Sprechen bringt. Dabei werden manchmal auch ihm selbst erst im Fortgang seiner Geschichte die komplexen Verbindungen bewußt, die seine Materialsammlung zu einem Drama, einer Groteske oder Tragödie werden lassen.


Frage: Gibt es eine Episode, die Ihnen die liebste ist, die lebendigste, einprägsamste, die nächste oder schwierigste vielleicht?

Christoph Ransmayr: Im Prozeß des Schreibens erschien und erscheint mir jede einzelne Geschichte oder Episode irgendwann als die liebste, die lebendigste, einprägsamste, die naheliegendste oder als diejenige, die sich niemals erzählen lassen wird.


Frage: Gibt es Begebenheiten, die Sie nicht erzählen? Dinge, die Sie aussparen? Weil sie sich vielleicht den Worten entziehen?

Christoph Ransmayr: Der allergrößte Teil der Welt, auch unserer persönlichen, vertrauten Welt, treibt, unerzählt und ohne jemals zur Sprache gebracht worden zu sein, an uns vorüber.


Frage: Gibt es Ort, an die Sie gerne noch reisen möchten, die Sie noch nicht gesehen haben, die Sie aus irgendeinem Grund noch faszinieren?

Christoph Ransmayr: Zunächst gibt es keinen Ort, den ich je besucht habe, an den ich nicht gerne noch einmal reisen würde. Schließlich gilt ja nicht nur, daß man nicht zweimal in demselben Fluß baden, sondern auch, daß man an keinen Ort seiner Geschichte, und sei es die eben verlassene Wohnung, wirklich zurückkehren kann. Weil es also ohnedies nur mehr oder weniger unbekannte Orte gibt, die vor uns liegen, überlasse ich die Entscheidung über das nächste Ziel lieber dem Zufall.


Frage: Es geht in diesem »Atlas« nicht nur um die realen Reisen, sondern es sind mythische Reisen, existenzielle Begebenheiten, der Blick wird in die Unendlichkeit des Universums gerichtet und an die Grenzen des irdischen Lebens. Immer geht es auch um das Sterben und Verlieren, um das Sehnen und Aufstreben. Ist dieser »Atlas« für Sie ein solches Buch des Lebens?

Christoph Ransmayr: Es gibt wahrscheinlich kein Erzählen, jedenfalls keines, das diesen Namen verdient, in dem es nicht irgendwann um Leben und Tod ginge. Selbst kürzeste Erzählformen wie Anekdote, Witz, Aphorismus oder drei Zeilen auf einer Ansichtskarte spielen mit dem Leben und dem Tod.

 

Frage: Es ist ein großer Erzählatem, der durch den »Atlas« führt. Die Stimme hebt immer wieder an: »Ich sah …«. Wieso ist dieses Motiv des Sehens dasjenige, das die Episoden verbindet?

Christoph Ransmayr: Sehen ist ja nicht bloß eine optische Erfahrung. Wer die Welt wahrnehmen will, wendet seinen Blick immer auch gleichzeitig in sein Inneres und wird dort, was auf seiner Netzhaut erscheint, verwandelt oder zumindest gespiegelt finden, verzerrt oder verklärt, vielleicht auch klarer als irgendwo sonst. Dabei hat es der Erzähler aber nicht, wie der Seher und Prophet, bloß mit der Zukunft zu tun, sondern mit allen Zeiten. In seiner Geschichte erscheinen die Dinge ja eingebettet in den Lauf der Zeit und weisen unter Umständen nach allen Zeit- und Himmelsrichtungen über den Augenblick hinaus.


Frage: Der Erzähler tritt eigentlich nicht in Erscheinung, er ist ein Beobachter, ein Zuhörender. Wieso wird er im Titel ein »ängstlicher Mann« genannt?

Christoph Ransmayr: Ängstlichkeit als eine Spielform der Vorsicht kann das Bild der Welt im günstigsten Fall vervollständigen, ist sie sich doch nicht bloß dessen bewußt, was ist, sondern auch dessen, was bloß sein und geschehen könnte. Unser Leben ist ja nur in seinen verfliegendsten, flüchtigsten Teilen einigermaßen gegenwärtig, sondern besteht vor allem aus dem, was war und was werden könnte. Der ängstliche Mann rechnet mit allem, verfällt dabei aber nicht in Schreckensstarre, bleibt, wo er ist oder verschwindet in einem Versteck, sondern geht, wenn auch manchmal unsicher, wenn auch manchmal bange und zweifelnd, seiner Wege.

 

Frage: Es gibt eine Episode, die davon erzählt, wie sich der Erzähler in eine Höhle flüchtet und dort in den Gesang der Mönche einstimmt und letztlich in den Schlaf fällt. Das Singen, das Erzählen, das Sprechen sind also weit mehr als ein Berichten, als ein Informationsaustausch. Ist es das, was in Ihren Augen das Menschsein ausmacht?

Christoph Ransmayr: Wie immer das Menschsein definiert wird – in unserer Geschichte gab es wohl keine größere Erfindung als die, beispielsweise einen Ozean mit seiner scheinbaren Unendlichkeit, seinen Stürmen, Küsten und Brandungswalzen in ein Wort zu verwandeln oder das Glück und die Trauer eines Menschen, die höchsten Gebirge, selbst Götter zu benennen und zur Sprache zu bringen. Erst durch die Sprache sind wir geworden, was wir sind, auch wenn der Unterschied zwischen der Wirklichkeit und ihrem sprachlichen Ausdruck nicht größer sein könnte – im Wort Ozean ist schließlich noch kein Schiff gesunken und vom Wort Eiswand noch keiner in die Tiefe gestürzt. Der Zauber der Verwandlung von etwas in Sprache läßt Bilder in uns entstehen, durch die wir die Welt eines anderen betreten oder ihn erzählend in unsere eigene holen und so nicht nur Ahnungslosigkeit und Schweigen, sondern auch die Einsamkeit und Verlassenheit des Einzelnen überwinden können. Und alles, was wir für dieses Wunder brauchen, ist eine Stimme und ein Ohr.