Wendelin Schmidt-Dengler: Dieser Anschluss an die Tradition der Verserzählung liegt Ransmayr ferne, und doch stellt sich bei der Lektüre unabweisbar der Eindruck ein, dass mit dieser Gliederung des Textes in Verszeilen und Strophen eine entscheidende Änderung in der Leserlenkung vorgenommen wird. Da wir meistens still lesen, enthält jeder Text auch eine bestimmte Qualität durch die Anordnung der Zeilen. Der Zeilenbruch bei Hölderlin oder Platen, die strenge Strophenarchitektur der antiken Vorlagen, die bewusst gewählten Drucktypen bei Stefan George – das alles ist mehr als bloßer Manierismus, sondern vielmehr auch eine Information über den Inhalt, ohne dass Inhaltliches zur Sprache käme. Und es gilt auch, Ransmayr von diesem Vorwurf des Manierismus und dem schon obligaten Klassizismusverdacht zu entlasten, wenngleich sich mancher Kritiker erstaunt, ja sogar ägriert zeigte. So viel ich sehe, besteht auch unter den Kritikern keine Einigkeit darüber, ob der „fliegende Satz“ und die strophische Gliederung dem Leseakt förderlich oder hinderlich seien; für mich stellte die strophische Anordnung eine entschiedene Lesehilfe dar – ein Befund, der so wohl gar nicht im Willen des Autors gelegen sein mag. Indes wächst dem Text durch das, was bloß als Äußerlichkeit erscheinen mag, eine Stildimension zu, die sich ohne diesen „Flattersatz“ nicht entfalten könnte.

Aus: Wendelin Schmidt-Dengler, Den Hippogryphen wieder satteln. Zur schönen Tradition der Verserzählung. In: Volltext, Nr. 6/2006, S. 17