Felicitas von Lovenberg: Christoph Ransmayr ist ein Solitär. Alle Wege, die er geht, sind eigene. Auch darum teilen seine Bücher mit dem Leser eine höchst luxuriöse Erfahrung: die Freiheit, aufzubrechen, wohin man will. Dieser Luxus ist keiner, der dem Überfluss entspringt, sondern im Gegenteil erst vom Mangel dazu gemacht wird. In globalisierten Zeiten, wo alle Welt glaubt, per E-Mail und YouTube immerzu überall sein zu können, ist die Erfahrung des Fremden, die das Geheimnis von Menschen, Orten und Geschichten nicht zu lüften versucht, kostbarer und wichtiger denn je. Aber man muss bekanntlich nicht weit reisen, um sich zu verlaufen. Je größer die Ferne, aus der man zurückkehrt, desto exotischer erscheint das Bekannte. In diesem Spannungsverhältnis von Vertrautem und Allerfremdesten nähert sich Ransmayr auch dem Nahen und vermeintlich Bekannten. Nicht nur Neugier scheint ihn zu treiben, sondern auch Aufmerksamkeit für die Welt – und obwohl beides anstrengende Haltungen sind, zeigt er keinerlei Ermüdungserscheinungen.

Aus: Felicitas von Lovenberg, Die Freiheit, aufzubrechen, wohin man will. In: Manfred Mittermayer u. Renate Langer (Hrsg.), Die Rampe. Band 03/09 Porträt Christoph Ransmayr, S. 85.